Ein Sommer voller Erkenntnisse und eine zauberhafte Begegnung – Teil 1

Man sagt, alle 7 Jahre stehe im Leben eines Menschen eine große Veränderung an. Bei mir traf dies bislang immer mit +/- 1 Jahr zu. Eigentlich hätte die letzte große Veränderung 2016 vonstatten gehen müssen. Bis auf meinen Umzug in eine barrierefreie Wohnung veränderte sich aber leider nichts großartiges. Als ich Ende Dezember letzten Jahres nach einem erneuten vergeblichen Versuch, meine gesundheitliche Situation zu verbessern, mal wieder desillusioniert ins neue Jahr startete, erwartete ich ehrlich gesagt nicht mehr viel vom Leben. Ich ergab mich meinem Schicksal und fand mich damit ab, dass die einzige große noch verbleibende Veränderung in meinem Leben wahrscheinlich irgendwann der Umzug ins Pflegeheim sein würde. Ich verbarrikadierte mich in meiner Wohnung und wollte von nichts und niemandem mehr etwas wissen. Grandiose Aussichten.

Aber es sollte anders kommen. Mitte Mai erhielt ich eine Whatsapp von einem Leidensgenossen mit genau 6 Wörtern: „Coimbra Protokoll, sagt Dir das etwas?“ Nein, es sagte mir nichts und ehrlich gesagt war ich nur mäßig interessiert. Wahrscheinlich wieder eines von den 1.000 Dingen, die man als kranker Mensch ausprobieren kann und von dem man mit viel Glück  profitieren kann oder eben nicht. Aber da ich ein neugieriger Mensch bin, habe ich das Thema nicht sofort ad acta gelegt. Ich wollte mir schließlich nicht irgendwann vorwerfen, den großen „Wurf“ verpasst zu haben. Also begann ich zu recherchieren…und der Satz, den ich auf meiner Seite „Über mich“ so lapidar in den Raum geworfen hatte – nämlich dass nichts ist wie es scheint – sollte mich statt auf humorvolle und spannende auf höchst ernüchternde und radikale Weise einholen.

Ich kam von einem Thema zum anderen und stieß u.a. dabei auf die englischsprachige Datenbank Pubmed mit über 27 Mio. medizinischen Artikeln. Es sollte mir zugute kommen, dass Englisch quasi wie meine zweite Sprache ist. Nicht perfekt, aber gut genug, um Zugang zur englischsprachigen Welt zu haben. Aber je besessener ich mich durch alles wühlte – ich schaffte es gerade noch, mich zu versorgen und nicht zu verwahrlosen – desto wütender wurde ich. Wütend auf unser Gesundheits-/Krankheitsverwaltungssystem, die Pharmaindustrie, unsere Politiker, das System, etc., die alle per se nicht schlecht sind, aber eben doch gravierende Mängel aufzeigen. Kurze Zeit später fand ein Autoimmun-Onlinekongress statt, an dem ich teilnahm. Danach fragte ich mich ernsthaft, wie ich die letzten 20 Jahre so blind und dumm sein konnte! Der bereits vor Jahren entstandene Riss in meiner rosaroten Brille schien wohl nicht tief genug gewesen sein. Nein, nachdenken und sich intensiv mit den Zusammenhängen zu beschäftigen war ja viiieeeel zu anstrengend. Schließlich musste man wie die große Mehrheit arbeiten gehen und den Alltag irgendwie bewältigen. Die vielen trotteligen Hamster, die so sehr damit beschäftigt sind, nicht aus ihrem Laufrad zu fallen, so dass sie das Hinterfragen irgendwann einstellen und dumm aus der Wäsche glotzen, wenn sie zum Kollateralschaden werden. Ich fühlte mich wie der Obertrottelhamster. Tränen wechselten sich ab mit der Erleichterung, das Trottelsein hoffentlich zukünftig Anderen zu überlassen.

Ich durchlief dann eine Art Blitzradikalisierung und hätte mich dem schwarzen Block – welcher zufälligerweise zeitgleich für Nachrichten sorgte – problemlos anschließen können. Allerdings war mir im Gegensatz zu den Autonomen klar, dass die Identifizierung der vermeintlich Schuldigen nicht ganz so einfach ist, wie man es sich wünschen würde. Da aber der Sack, in den ich trotzdem alle am liebsten gesteckt hätte, derart groß hätte sein müssen, dass meine Kraft zum Draufschlagen nicht lange ausgereicht hätte, musste ich meine Aggression anderweitig loswerden. Als Lena in „Sing meinen Song“ das Lied von Sabrina Setlur „Du liebst mich nicht“ zum Besten gab, hatte ich meinen perfekten Blitzableiter gefunden. Voller Inbrunst schmetterte ich „…schick deine Rosen deinen Schlampen, die auf Blumen abfahren…“ rauf und runter. Gefühlte 1001 Mal. Meine Güte! Ich erkannte mich nicht wieder! Dabei war von einem Herzensbrecher nicht einmal weit und breit eine Spur. Die eigentlich bis dahin friedliebende Martina wurde zur aggressiven Extremistin! Und das alles wegen einer WA Message mit gerade mal 6 Wörtern?? Braucht es wirklich nur eine Handvoll banaler Zutaten, um radikal zu werden? Etwas später erkannte ich, dass mein zeitgleicher „Entzug“ von dem langjährig konsumierten Cannabisspray vermutlich einen kleinen Teil zu dieser Entwicklung beitrug. Also, alle Schuld den Drogen!

Schlussendlich wurde mir (erneut) klar, dass ich neben einer friedlichen Seite durchaus noch eine andere in mir trage. Eine zornige, die Ungerechtigkeit und Missstände nur schwer ertragen kann. Und die erkannt hat, dass alles noch viel komplexer und vielschichtiger zu sein scheint, als ihr lieb ist – oft zum Guten, aber leider genauso oft zum Schlechten. Und trotz mancher desillusionierenden Erkenntnisse habe ich mich noch nie authentischer gefühlt. Es scheint, als hätte ich mich endlich selbst gefunden. Ich bin aufgewacht und das war mir die vielen Rosen für die unzähligen Schlampen definitiv wert 🙂

PS: Fortsetzung folgt – weitere Erkenntnisse, das Ergebnis der Aggressionswelle und die zauberhafte Begegnung möchte ich euch nicht vorenthalten…

Page with Comments

  1. Davon bitte mehr mit dem Resultat, dass du den Weg, den du gehst, zukünftig ohne technische Hilfsmittel gehen wirst.

    1. Hope dies last, dennoch glaube ich, dass dieser Sommer mit all seinen für mich förderlichen Erkenntnissen nicht primär dazu gedacht war, ein neues „Wundermittel“ für meine Krankheit zu finden. Ich denke, das Leben wollte mir eigentlich etwas ganz anderes zeigen 🙂

  2. Liebe Martina, wie immer lese ich deine Worten, Gedanken und Taten mit Wonne! Auch ich habe festgestellt, dass ich eine zornige und aggressive Seite habe, von der ich gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Umwelt, Kinder, soziales System, Arbeit, sich heimatlos zu fühlen (weder in Dtl. wohl und verstanden, noch in den USA),…. ich kann überall hin, mich frei bewegen, ganz anders als Du, und trotzdem ziehe mich immer mehr in die Einsamkeit zurück. Warum war das alles so viel einfacher als wir jünger waren?

    1. Liebe Anja. Nach einem weiteren Tag mit Migräne hatte ich mal wieder Zeit nachzudenken. Vielleicht war es früher einfacher, weil wir unbedarfter waren, unser Fokus auf anderen Dingen lag als auf den unzähligen Problemen dieser Welt? Fakt ist, diese scheint gehörig komplexer geworden zu sein…mehr Menschen, mehr Probleme, mehr Wissen, aber auch mehr Fragen…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.