Stell dir vor, Schwäbisch stirbt aus und keiner merkt’s…

Eigentlich wollte ich heute aus gegebenem Anlass – nämlich nach längerer Zeit – über mein „vielbeschäftigtes“ Rentnerdasein schreiben, aber mir scheint der Beitrag über die aussterbenden schwäbelnden Schwaben von größerer Dringlichkeit zu sein.

Ich mag mich ja täuschen, aber irgendwann vor ein paar Jahren fiel mir auf, dass sämtliche Kinder von Freunden, Verwandten etc. nicht schwäbeln sondern hochdeutsch sprechen. Sowohl in der Stadt als auf dem Land. Letzteres hat mich in meinen Grundfesten erschüttert. Spätestens dann wusste ich, dass die Lage bitterernst ist. Gehört man als schwäbelnder Mensch inzwischen etwa einer aussterbenden Minderheit an? Es reicht wohl nicht, dass man gelegentlich von hochdeutsch sprechenden Erwachsenen einen mitleidigen Blick zugeworfen bekommt. Nein, jetzt muss man sich schon 3-Jährigen gegenüber minderbemittelt fühlen. Im eigenen Ländle.  

Schon blöd, wenn man alles kann. Außer eben Hochdeutsch. Vor diesem psychisch schwer erträglichen Ballast will man die zukünftigen Generationen scheinbar bewahren. Hätte man nicht wenigstens zweigleisig fahren können? Privat schwäbisch und öffentlich hochdeutsch bzw. schwäbisch light – so wie ich es meistens praktiziere – wäre auch eine Option gewesen. Und warum hat man eigentlich stattdessen nicht die alberne Kehrwoche abgeschafft? Dieser antiquierte Brauch entspringt meiner Meinung nach gefühlt dem Mittelalter. Wahrscheinlich wurde man damals gefedert und geteert, wenn man vor seinem Haus nicht oder noch schlimmer nicht „richtig“ gefegt hatte. Diese genetisch bedingt fanatische Haltung einem Besen gegenüber hält sich bislang hartnäckig. Noch. 

Aber zurück zum Dialekt. Wenn schon abschaffen dann richtig. Wer will schon den dümmlich und unsympathisch (?) anmutenden schwäbischen Singsang weiterhin ertragen? http://www.focus.de/regional/videos/schwaebisch-schwaetzen-dialekt-abgewoehnen-alles-was-ihr-dazu-braucht-ist-eine-klopapierrolle_id_5450102.html. Nun gut, ich gebe zu, manche Schwaben wären in der Tat attraktiver wenn sie „normales“ deutsch statt Hintertupfingen Geblubber von sich geben würden. Aber hey, ein Trost bleibt. Wenn die Schwaben nämlich irgendwann alle super hochdeutsch können, dann können sie alles. Also ALLES. Ob das von den ominösen „Abschaffern“ – wer auch immer diese sein mögen – so gewollt ist? Noch mehr Neid auf die fleißigen Schwaben? Fair ist unsere Behandlung jedenfalls nicht. Ich glaube nicht, dass sich die Bayern derartiges gefallen lassen würden. Für mich ganz klar ein Fall von Diskriminierung. Schwäbisch mag sich ja für manche Menschen dümmlich anhören. Aber pssst, kleiner Tipp für alle Schwäbisch-Gegner: das ist lediglich  Tarnung. Wir sind nämlich keinesfalls so dumm wie wir uns scheinbar anhören!

Jetzt, da ich weiß, dass schwäbelnde Schwaben bald aussterben werden, bin ich mir meines Seltenheitswertes durchaus bewusst. Man gehört schließlich nicht jeden Tag einer vom Aussterben bedrohten südwestdeutschen Spezies an. Obwohl ich in der Vergangenheit des Öfteren wünschte, richtig gut hochdeutsch sprechen zu können (also nicht wie ein gewisser Ministerpräsident oder Bundesfinanzminister – hören sich meiner Meinung immer leicht schräg an), erwacht nun mein Ländlestolz! Ich muss zugeben, der Singsang würde mir fehlen. Fluchen kann man so viel besser auf schwäbisch. Nicht, dass ich wahnsinnig viel fluche. Aber zurzeit zugegebenermaßen schon etwas mehr…

Sollte mir also niemand den Gegenbeweis erbringen können, müssen wir annehmen, dass in einigen Jahrzehnten Schwäbisch mitsamt der Kehrwoche – wie bereits das Äffle und Pferdle – einer nostalgisch verklärten Vergangenheit angehören. Tja, dumm gloffe. So, und jetzt her mit der Klopapierrolle :- ). 

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