Die Crux mit dem Mitleid

Mein jetziger Zustand – insbesondere mein Gangbild – scheint bei manchen Menschen immer wieder untergangsähnliche Gefühle auszulösen. Sie ringen nach den richtigen Worten, wenn es diese überhaupt gibt. Ich gebe zu, es ist nicht einfach.

Das „beste“, was ich bislang zu hören bekam, war „Mein Beileid“. AHA! Es war mir doch glatt entgangen, dass ich mich bereits auf der anderen Seite des Jordans befinde. Scheint mein Geist zu sein, der momentan noch durch die Gegend irrt! Auch ein Paketzusteller meinte einmal, er müsste mich aufbauen: Es wäre für ihn ja gaaanz furchtbar, wenn ihm derartiges – in Anspielung auf meine lahmen Beine – zustoßen würde, da er leidenschaftlicher Tischtennisspieler sei. Soso, danke für’s Gespräch! Trotzig flötete ich ihm entgegen, dass meine Welt nicht unterging(e), da ich die perfekte Couch Potato sei. Stimmt irgendwie sogar. Leider. Aber das ist ein anderes Thema.

Aber jetzt mal Butter bei die Fische! Wer ernsthaft glaubt, es gebe ein Leben ohne Risiko, der solle doch bitte aus seinem Wohlstands-Dornröschenschlaf erwachen. Clevere Viren, Bakterien, Parasiten, durchgeknallte Mitmenschen, Unfälle usw. Die Liste der täglich lauernden Gefahren ist lang und es kann jeden – wirklich jeden – treffen. Wer also nicht als Michelin Männchen durch‘s Leben wandeln oder in einer sterilen Einzelzelle leben will, geht jederzeit das Risiko ein, den morgigen Tag nicht zu erleben oder anderweitig aus der Fahrbahn des Lebens gerissen zu werden. That’s life.

Bei näherer Betrachtung der Thematik fällt auf, dass der Anblick von Menschen mit Handicap bei vielen unter anderem Angst auslöst. Man fürchtet sich davor, dass einem das gleiche oder etwas ähnliches zustoßen könnte. Hier nun die schlechte Nachricht: Ja, es kann. Die gute: Muss es aber nicht. Sollte es dann doch passieren, geht die Welt nicht unter. Es braucht schon erheblich mehr, um die Erdkugel aus ihrem Orbit zu schleudern. Ich brauche wohl niemandem zu erzählen, dass es keinen Spaß macht, krank zu sein, ein Handicap zu haben oder sonstiges Unglück zu erleben. Aber jeder Betroffene durchläuft früher oder später einen sehr individuellen Prozess, in welchem er sich mit der Situation auseinandersetzt. Wie er mit dieser schlussendlich umgeht, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Woher glaubt man zu wissen, dass ein Mensch mit Handicap tendenziell eher unglücklich ist? Vielleicht ist er sogar glücklicher? Woran misst man Glück? Was genau versteht man unter Handicap oder Behinderung (hierzu mehr ein anderes Mal)? Wie würde wohl Stephen Hawking auf Mitleid reagieren? Ein grandioser Physiker, der aufgrund seiner Krankheit ALS physisch erheblich eingeschränkt, dafür aber bei weitem intelligenter ist als der Großteil der gesunden Mehrheit.

Mitleid, Mitgefühl, Empathie. Eine Google-Suche zeigt, dass die Begriffe scheinbar nicht immer klar voneinander getrennt werden können. Ehrlich gesagt war ich hinterher verwirrter als vorher und versuche deshalb, mich aus meiner Sicht an diese Begriffe heranzutasten. Mitleid bedeutet – wie es das Wort bereits sagt – mit|leiden. Aber wer leidet schon gerne? Zudem erhebt man sich über den Anderen. „Oh je, den armen ‚Hund‘ hat es echt schlimm erwischt. Puh, selbst nochmal Glück gehabt.“ Irgendwie unangenehm…zumindest für den ‚Hund‘. Nein, bemitleiden kann ich mich selbst. Jeden Tag, bei jedem Schritt, den ich bedacht gehen muss, damit ich nicht wieder stürze. Oder wenn ich total erschöpft bin, weil einfach alles viel länger dauert als früher. Mitgefühl hört sich da schon besser an. Der Andere fühlt mit. Genau! Zu zweit leidet es sich doch gleich leichter. Es bleibt die Empathie, definiert als Einfühlungsvermögen. Vielleicht eine Steigerung des Mitgefühls? Sei’s drum. Hauptsache, man fühlt überhaupt etwas.

Warum es nicht halten wie die derzeitige britische Premier Ministerin Theresa May: „Einfach weitermachen mit der Karte, die das Schicksal einem ausgehändigt hat.“ Ich bin mir nicht sicher, in welchem Kontext sie diese Aussage gemacht hat, aber für mich ergibt sie irgendwie Sinn. Sollte also noch einmal jemand aufgrund meiner gesundheitlichen Situation in eine tiefe Depression fallen, dann werde ich höflich versuchen, sie oder ihn zu trösten. Es geht doch nichts über eine gesunde Portion Mitleid :-).

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  1. Martina, schon die Startseite hat mich gefangen. und dann……ich kann nur sagen:weiter und ich folge.
    Werde mir Gedanken machen und versuchen, qualifiziert mitzureden.
    Das wird auf jeden Fall toll.
    Mabrook!!

  2. Hallo liebe Martina,
    du schreibst wunderbar anschaulich und ich kann gar nicht aufhören zu lesen. In deinen Meinungen und Beispielen kann ich gut nachverfolgen, wie es dir geht und was du denkst, das macht die Sache um so anschaulicher. Ich werde deinen Blog mal auf meiner facebook-Seite teilen, wenn das für dich okay ist.
    Und Opa wird bestimmt nicht der letzte Follower sein, da bin ich mir sicher 🙂
    Ganz liebe Grüße und viel Erfolg <3

    1. Liebe Farah. Vielen Dank! Meine Worte werden nicht jeden erreichen, aber vielleicht regt es ja den einen oder anderen zum nachdenken an 🙂 VlG

  3. Liebe Martina,
    Ich lese deine Worte, Gedanken, Themen und Ansichten mit großer Neugierde. Ab und zu fühle ich mich auch selbst ertappt, und bin sehr dankbar, dass du mir die Augen öffnest. Als ich vor zwei Wochen in Dtl war, ist mir wieder aufgefallen, wie schwer sich die Gesellschaft mit Menschen, Kulturen, Kindern, die nicht in ihre Sichtweise passen, tut. Was nicht als normal bezeichnet wird. Das fand ich doch sehr schockierend und traurig. Bei diesem Thema ist meiner Ansicht nach die USA viel weiter. Ich hoffe und wünsche mir, dass auch Dtl große Schritte in die richtige Richtung macht. Niemand hat das Schicksal in der Hand, und es kann jeden Treffen.
    Ich drück dich fest aus der Ferne und schicke dir viel Karft! Mach weiter so. Das ist der richtige Weg!! Deine Anja

    1. Liebe Anja, ich freue mich wahnsinnig über deinen Kommentar. Eine ausführliche Antwort habe ich dir über Facebook geschickt. War doch etwas zu lang für diese Seite :-). Viele liebe Grüße, Deine Martina

  4. Liebe Martina,
    hätte sich der Paketzusteller nur mal an eine Regel gehalten….: Jeder Mensch soll schnell sein zum Hören, langsam zum Reden .
    Find ich super dein blog. Du schreibst wunderbar fesselnd. Wusste gar nicht, welches verborgene Talent in dir schlummert. Es ist schön zu lesen, dass du deine Stärke und deinen Humor nach wie vor in dir trägst. Bin auf deinen nächsten Beitrag gespannt.
    Wenn wir die Welt erblicken, erhalten wir keine Garantie dafür, welches Schicksal uns ereilt. Wir müssen es oft so hinnehmen wie es kommt.
    Hier heißt es immer so schön? “ zum Leben gehört Glück“. Was genau macht denn ein glückliches Leben aus? Glück lässt sich nicht festhalten, aber immer wieder aktiv suchen.
    Wie Eckart von Hirschhausen unlängst sagte: “ Stellen Sie sich vor, sie wären das Glück. Würden Sie dann gern bei sich vorbeikommen?
    So, genug über Glück und Unglück….geht jetzt schlafen
    Frage mich, ob du mal Lust hast mit mir was Essen oder Trinken zu gehen!? Würde mich echt freuen, dich nach so langer Zeit wiederzusehen.
    Drück dich.
    LG
    Myriam

    1. Liebe Myriam,
      freut mich sehr, dass dir meine Zeilen gefallen. Man kann ja leider nie alle Punkte abdecken. Umso besser, wenn einem andere gute Anregungen geben 😉
      Würde mich sehr über ein Treffen freuen! Ich schreibe dir mehr über fb.
      Liebe Grüße
      Martina

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